Die wichtige Rolle, die die Lehre von der bedingten oder abhängigen Entstehung im Buddhadhamma spielt, wird an vielen Stellen des Pâlikanons hervorgehoben. Es gibt den berühmten Dialog des Buddha mit Ânanda (vermutlich an anderer Stelle in diesem Heft nachzulesen), in dem ihre Tiefgründigkeit zur Sprache kommt; Sâriputta stellt sogar fest, dass das Sehen der bedingten Entstehung identisch sei mit dem Sehen des Dhamma (M28); und schließlich erfahren wir (M26), dass der Buddha unmittelbar nach seiner Erleuchtung kaum eine Chance sah, anderen diese Lehre zu vermitteln, eben weil sie so schwer zu verstehen ist.
Da sollte man sich eigentlich wundern, dass es ein Erklärungsmodell gibt, quer durch alle buddhistischen Traditionen verbreitet, das die bedingte Entstehung im handlichen Katechismusformat anbietet, leicht zu erlernen ist und keine Fragen offen lässt. Diesem Modell zufolge beschreibt die bedingte Entstehung eine Art Wiedergeburtsmechanismus, zusammengefasst etwa so: "Wegen unwissender Handlungen im letzten Leben haben wir in diesem Leben einen Körper und Geist, dessen Wahrnehmungsprozess von Begehren und Anhaftung geprägt ist. Das ist der Grund, warum wir im nächsten Leben Geburt, Altern und Tod, kurzum Dukkha erfahren werden." Nun sind diese Aussagen wohl nicht ganz falsch: z.B. erfahren wir in M43, dass künftiges Wiederwerden dadurch zustande kommt, dass die Wesen durch Unwissenheit und Begehren gefesselt sind. Aber wenn man diese Aussagen als Erläuterung der bedingten Entstehung auffassen will, dann stößt man auf eine Reihe von Problemen.
Ajahn Buddhadâsa, der große thailändische Kritiker von Degenerationserscheinungen im Buddhismus, weist darauf hin, dass dieses Modell, die so genannte Drei-Leben-Theorie (im folgenden kurz 3LT) mit dem Makel der Lehre von einem "Selbst", das die drei verschiedenen Leben durchwandert, behaftet ist. Damit steht die 3LT im Widerspruch zur Lehre des Buddha, die besagt: alle Dinge sind Nicht-Selbst.
Im Grunde liegt der Fehler der 3LT und ähnlicher Theorien, die eine kausale zeitliche Abfolge von Ursache und Wirkung (das Gesetz von Kamma - Handlung und ihren Folgen) mit ins Spiel bringen, schon im Prinzip. Denn das Prinzip der bedingten Entstehung hat der Buddha so formuliert: "Wenn dieses ist, ist/wird dieses. Mit dem Entstehen von diesem entsteht dieses." (Imasmim sati idam hoti. Imass'uppâdâ idam uppajjati. Im Pâli ist tatsächlich vier Mal von "diesem" die Rede, vielleicht weil - bei aller Vielfalt - es immer nur Dukkha ist, was da entsteht und vergeht.) Also handelt es sich um eine strukturelle gleichzeitige Bedingtheit. Das Prinzip der 3LT besagt hingegen: "Nachdem dieses aufgehört hat, wird jenes entstehen."
Aber auch im Detail, in der Anwendung der 3LT, ergeben sich viele Ungereimtheiten. Zum Beispiel müsste demnach jemand, der ein Arahant wird, noch zwei Leben lang warten, bis Dukkha aufhört, wohingegen die Suttas immer wieder betonen, dass Dukkha in dem Moment aufhört, in dem die grundlegende Unwissenheit aufhört. Ein weiteres schwerwiegendes Argument gegen die 3LT: da sich nach der 3LT der Zyklus der bedingten Entstehung über drei sukzessive Leben hinzieht, wäre es für Leute ohne Erinnerung an frühere Leben nicht möglich, die ganze Sequenz zu erkennen. Bedingte Entstehung wird aber (nach der eingangs erwähnten Stelle in M 28) erkannt durch den, der das Dhamma erkennt, selbst wenn er keine übersinnlichen Fähigkeiten hat und sich nicht an seine Vorleben erinnert. Die 3LT ist bestenfalls eine "historisierende" Erklärung - sie hat nichts mit unmittelbarer, diesseitiger und nicht an Zeit gebundener (ehipassiko, sanditthiko, akâliko) Einsicht zu tun.
Eine Darstellung der vielen einzelnen Widersprüche der 3LT, ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. In ihrer Folge musste eine in weiten Kreisen des Theravâdabuddhismus anerkannte Kommentartradition, die die 3LT vertritt, viele Aussagen der Sutten uminterpretieren, relativieren, verfälschen oder verschweigen, damit das Buddhawort zur Auslegung passt. Die 3LT zieht einen ganzen Rattenschwanz von Zurechtbiegungen nach sich - darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben.
Warum ist die 3LT dann so weit verbreitet und hoch verehrt? Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Wirken des Buddha und der damit verbundenen zunehmenden Degeneration der Dhammapraxis in der Welt, gab es mit der Zeit immer weniger Erleuchtete, dafür immer mehr Gelehrtentum. Das Dhamma wurde immer mehr zu einem Studienobjekt, das man auswendig lernen, abfragen und benoten kann. Erklärungsmodelle, die allen Punkten ihren Platz in den Schubladen zuweisen und auf alles eine Antwort wissen, wurden gebraucht. Die 3LT erfüllt diesen Zweck glänzend (genau wie weitere, ebenso postkanonische wie irreführende Modelle, wie sie zuhauf in den Werken Buddhaghosas zu finden sind). Das erklärt auch, warum Buddhologen meist so sehr mit ihr zufrieden sind. Die wissenschaftliche Herangehensweise beinhaltet schließlich, dass man die Dinge "erklären" kann, mit objektiver Distanz; zwischen Forscher und Forschungsobjekt soll es keine Wechselwirkung geben.
Trotz aller Niedergangserscheinungen finden sich aber immer noch Dhamma-Praktizierende, Menschen, die sich darauf einlassen, sich vom Dhamma, das sie zu ergründen suchen, verändern und transformieren zu lassen. Menschen, die damit einverstanden sind, dass ein völliges Verstehen eben dieses Dhammas erst am Ende der Praxis eintreten kann. Von diesen Praktizierenden sind sehr viele, vielleicht die meisten, nicht zufrieden und nicht einverstanden mit wohlfeilen Antworten, wie jenen der 3LT. Unter diesen Unzufriedenen gibt es heute eine Reihe unabhängiger Denker, die sich nicht scheuen, die heilige Kuh der Kommentartradition anzutasten. Wahrscheinlich hat es immer solche Leute gegeben, nur wissen wir - wen wundert's? - heute nichts mehr von ihnen.
Die meisten dieser kritischen Geister betrachten die bedingte Entstehung als Wegweiser oder Werkzeug, um der Struktur aus Unwissenheit, Begehren, Ich-Anhaftung und Dukkha, also unserem existenziellen Dilemma, auf die Schliche zu kommen. Dieses Dilemma besteht darin, dass jegliche weltliche Suche nach einem Ausweg aus dem Problem gewissen Spielregeln unterliegt, die wiederum genau die Ursache des Problems sind. Unsere fundamentale Unwissenheit, die am Anfang vieler Beispielformeln der bedingten Entstehung genannt wird, ist die Unwissenheit von den vier Edlen Wahrheiten, sie umfasst also auch sich selbst: das bedeutet, wir unwissenden Weltlinge wissen nicht einmal, dass wir unwissend sind! Auch wenn wir uns als gute Buddhisten selbstverständlich dazu bekennen, dass das "Ich" eine Illusion ist, so wissen wir dies nicht wirklich, denn sonst hätten wir diese Illusion ja gar nicht: für uns erscheint dieses "Ich" trotz aller gegenteiligen Beteuerungen als real.
Für einen Wissenschaftler ist so eine Haltung - also das Akzeptieren des Nichtwissens und das Akzeptieren der Tatsache, dass Erkenntnis ohne ein Brechen der Spielregeln nicht möglich ist - natürlich nicht annehmbar, aber sie schafft Raum für Praxis und weitere Suche. Wer dagegen glaubt, das Dhamma, die bedingte Entstehung "verstanden" zu haben, ist mit seiner Suche am Ende und bleibt wo und was er ist.
Der vietnamesische Meister Thich Nhat Hanh fordert uns auf, "die Sonne in einem Blatt Papier" zu sehen. Das ist eine vergleichsweise leichte Übung. Selbstverständlich gilt die bedingte Entstehung auch für ein Blatt Papier, aber um dessen Bedingtheit zu sehen, hätte es keinen Buddha gebraucht. Dessen Leistung, ja sein Erleuchtungserlebnis und das seiner Nachfolger, besteht gerade darin zu sehen, dass das, was wir für unser "Ich" halten, und was sich unserer Analyse immer wieder entzieht, bedingt entstanden ist. Eine Einsicht dieser Art ist notwendigerweise befreiend, denn was immer wir für ein "Ich" oder "Selbst" halten oder als solches empfinden, es erscheint uns in seiner "Wirk"-lichkeit als unteilbar, zufriedenstellend, beständig und unabhängig.
Diese Überlegungen wollen nicht missionieren, sondern zum Nachdenken anregen. Wenn die 3LT für jemanden Sinn macht - fein! Aber wenn nicht, plädiere ich für den Mut, ohne die Sicherheit trügerischer Antworten auszukommen, weiter zu forschen und die Frage am Leben zu erhalten.
Kay Zumwinkel fühlt sich im Theravâdabuddhismus zu Hause, insbesondere in der thailändischen Waldtradition. Neben seiner Arbeit als Krankenpfleger wirkt er bei den Lotusblättern und der Theravâdagruppe Nürnberg mit und übersetzt buddhistische Schriften.
Englisch
Bodhesako Samanera, "Change", im Internet: http://nanavira.cjb.net
Buddhadâsa Bhikkhu, "Paticcasamuppada - Practical Dependent Origination", Vuddhidhamma Fund
Ñânânanda Thera, "Concept and Reality", Buddhist Publication Society
Ñânânanda Thera, "Magic of the Mind", Buddhist Publication Society
Ñânavîra Thera, "Clearing the Path", im Internet: http://nanavira.cjb.net
Phra P.A. Payutto (Dschau Khun Dhammapitaka), "Paticcasamuppada - The Buddhist Law of Conditionality", Buddhadhamma Foundation
Deutsch
Paul Debes, "Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddha", Buddhistisches Seminar
Kay Zumwinkel, "Paticcasamuppada - eine alternative Herangehensweise", Lotusblätter 3/99, DBU
Die Theravadagruppe Nürnberg plant, im Frühjahr 2001 eine deutsche Übersetzung von "Change" zu veröffentlichen.
Die genannten Bücher sind nur bei den Verlagen erhältlich, mit Ausnahme der geplanten Übersetzung von "Change". Diese soll auch über den Buchhandel zu beziehen sein.
Buddhadhamma Foundation, 87/126 Tesabahl Songkroh Rd., Lad Yao, Chatuchak, Bangkok 10900, Thailand
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Vuddhidhamma Fund, P.O. Box No. 26, Nonthaburi 11000, Thailand